DAS SKULPTURALE OEUVRE

Joachim Dunkel verstand sich in erster Linie als Plastiker. In Modellier- oder Brennton, Gips oder Wachs baute er eine eigene Welt von Menschen- und Tiergestalten, eine Gegenwelt von Mischwesen, Chimären, Figurengruppen, Ruinenstücken, und eine Überwelt der Gestirne, Wolken-, Nebelfronten. Den zentralen Bereich seines plastischen Oeuvres aber bildet die weibliche Figur. An diesem seinem Kernthema arbeitete er kontinuierlich und lebenslang; in ihrer Bedeutung wie nach ihrer Stückzahl übertrifft die weibliche Einzelfigur (von 15 bis 220 cm Höhe) mit ihren subtil variierten Haltungen und Torsierungen alle anderen Darstellungen.

Neben die allansichtige Skulptur trat das Relief als erzählende Ausdrucksform Dunkels. In den 1960er Jahren vom Vertikalrelief ausgehend kam der Künstler über das liegende Relief zur Stätte, sei es als Schädelstätte Golgatha (speziell zwischen 1965 und 1985) oder als Ruinenberg, schließlich als Schlachtfeld Troja in den späten 1990er Jahren angesichts der blutigen Balkankrise. Unabhängig von Material und Dimension strukturierte der Plastiker die Oberfläche seiner Arbeiten seit den 1980er Jahren zunehmend durch graphische Ritzungen und Schrundungen. Der Übergang der drei Zustände - vollplastisch, halbplastisch, flächenstrukturiert - innerhalb des Objekts bezeichnet ein dynamisches, der Skulptur an sich fremdes Prinzip: die in alle Richtungen ausstrahlende Bewegung.

Nicht selten hob Joachim Dunkel an seinen Figuren, den Gipsen wie den Bronzen, Einzelheiten durch Bemalungen hervor. Obwohl damit eine Grenzüberschreitung des Plastischen in Richtung auf die Illusion stattfindet, wird umso deutlicher, dass diese Illusion nicht eintritt, auch nicht erreicht werden soll. Nur der imaginäre Panzer um die Figur wird durch die Tönung fester.

Outdoor/Freiraum

Die Großbronzen Joachim Dunkels variieren in ihrer Höhe zwischen 275 und annähernd 500 cm. In den reich differenzierten Gebilden unterschiedlicher Thematik kehrt gleichsam als Erkennungszeichen das Motiv der Gestirne immer wieder, versteckt, angedeutet nur als knapp segmentierte Scheibe der Mondsichel oder als Vollmond, als Stern oder Strahlengebilde.

Kleinere, bis annähernd 250 cm hohe Ensembles etwa in Terracotta (Kinderspielplatz) oder in Aluminiumguß (Schloß Charlottenburg) folgen den örtlichen Gegebenheiten und den Vorgaben der Auftraggeber. Portraits im öffentlichen Raum gedenken reliefartig oder vollplastisch.

Figur und Portrait

Joachim Dunkel liebte das Statuettenformat, jene Größe, die nicht auf Überwältigung aus der Distanz, sondern auf die eingehende, die ganz persönliche, private Betrachtung aus nächster Nähe zielt. Tatsächlich wurde die Kleinbronze vom Künstler nie als Vorstudie oder als erster Schritt zu einer Ausführung in größerem Format aufgefaßt. Auch die lebensgroßen Figuren zeigen die Intimität der Kleinplastik.

Ein entscheidendes Merkmal von Dunkels Figurenwelt ist ihre bezwingende Kreatürlichkeit. Frauen und Männer treten beinahe ausnahmslos ohne jede Kostümierung in ihrer Nacktheit und Geschlechtlichkeit in Erscheinung. So gewinnen sie Ursprünglichkeit und Vitalität, obwohl ihr Körper nicht als Organon aufgefaßt, nicht leibhaftig funktionsbereit, sondern mehr oder weniger torsiert ist. Individuelle Züge sind sublimiert zur menschlichen Figur. Diese erlaubt uns aber kein Wir-Gefühl, im Gegenteil, irritierende Fremdheit und Distanz rufen den Eindruck von Unberührbarkeit hervor.

Die torsierten Figuren der späten Jahre ergänzte Dunkel mitunter durch Flächenformen, geschnitten aus Papier, Pappe oder Blech, um auf diese Weise, mit überraschendem Zugriff, deren körperliche Präsenz zu konterkarieren. Der Künstler wollte gewiss die sinnliche Ausstrahlung der von ihm modellierten Körper - gleichermaßen jedoch immer auch eine idolhaft anmutende Unvertrautheit und Entrücktheit. Diese steigert er von Fall zu Fall durch die Materialwahl: Gips als Endstufe.

Über einen Zeitraum von rund 50 Jahren entstanden 45 Portraits, 10 Selbstportraits und diverse posthume Köpfe. In ihrer Bindung an die flüchtige Zeichnung, die gleichwohl nicht flieht sondern eher angreift, auch anrührt, eignen sich diese plastischen Portraits nicht für ein Pantheon, eine Walhalla oder eine Ehrenbürgergalerie. Dunkels Arbeiten sind sublime Aussagen über das Gegenüber, das ohne Datenschutz, ohne den Panzer seiner Außenhaut, als verletzliches, aber auch selber verletzendes Individuum erscheint.

Motiv und Gegenstand

Aus der erzählenden Welt antiker Mythologie griff Joachim Dunkel drei Motivkreise auf: den Troja-Komplex vom Parisurteil zum Schlachtfeld; die Metamorphose als Kombination von Menschen-, Tier- und Pflanzengestalt; das Götter- und Totenreich. Die Motive stellte er frei von archäologischen Verpflichtungen dar, die drei Frauen des Paris-Urteils etwa sind durch kein Attribut, durch keine Pathosformel ihrer Gebärden als Göttinnen erkennbar.

Aus der biblischen Überlieferung hat Dunkel neben den apokalyptischen Reitern zwei Motivkreise immer wieder neu umkreist und gestaltet: die Geschichte des ersten Menschenpaares und den Opfertod Christi am Kreuz. Keine der Arbeiten in diesem Feld ist als Auftragsarbeit entstanden. Es geht hier explizit nicht um eine Illustration theologischer Zusammenhänge; es ist nur das folgenreiche, ungeheuerliche Geschehen, das in immer neuen, vielfigurigen Konstellationen festgehalten ist.

Mit Vorliebe widmete sich der Plastiker lebenslang dem Pferd und der Einheit von Roß und Reiter. Nur selten stehen seine Pferde in Ruheposition. Vielmehr ist der besondere Aspekt von Schönheit dargestellt, der in konzentrierter, anstrengender, mühseliger Bewegung liegen kann.

Terracotta

Arbeiten in Brennton entstanden sporadisch aber nie nebenher. Zwischen 1966 und 1968 sechs, 1976 und 1982 je zwei Hunde, die sämtlich einer "Rasse" zugehören (etwa 25x35 cm). Im Zeitraum von 1978 bis 1990 wuchs jeweils zur Weihnachtszeit ein farbig gefaßtes Krippenszenario auf über 100 Teile heran, die Figuren max. 20 cm hoch, Bäume und Ruinen max. 50 cm. In den Jahren 1981-83 baute Joachim Dunkel zehn sog. pocket parks, tempel- oder burgähnliche Ruinen, die er sich durch geeignete Pflanzen bewachsen vorstellte, darunter zwei auch als Aquarien zu nutzende "Arkadien", die Wasserbecken glasiert und seitwärts verglast.

1990 realisierte der Künstler fünf bis zu 100 cm hohe Phantasietiere für den Spielplatz eines Kleinkindergartens. Weitere sechs Sockeltiere, rund 50 cm hoch, stammen von 1990 und 1995. Seine Arbeiten zum Troja-Komplex ergänzte Dunkel 1999 in Terracotta mit zwei weiblichen Figuren, einem singenden Pferd und einem stürzenden Reiter. Diese Plastiken sind in außerordentlich extremer Bewegung.

Parallel zu den genannten Arbeiten entstanden kleinformatige weibliche Figuren. Die Terracotta ist entweder rötlich engobiert, mit Tinten laviert oder farbig bemalt, lediglich einer der großen Hunde trägt eine Glasur.