DAS GRAFISCHE OEUVRE

Joachim Dunkel gehörte zu den Bildhauern, die zugleich leidenschaftliche Zeichner sind. Nur in raren Fällen sind unter den Blättern Skizzen und Vorstudien zur Plastik. Außer dem umfangreichen Corpus der sog. Bildhauerzeichnung im engeren Sinn existiert ein ebenso umfangreiches Werk erzählender Blätter, mitunter in Zyklen konzipiert, an denen der Zeichner über Jahre hindurch arbeitete. Zu den Arbeiten auf Papier zählen annähernd 100 Holzsschnitte resp. Druckstöcke, die in Abzügen von der Hand des Künstlers vorliegen. Lithographien und Radierungen entstanden im Rahmen der Lehrtätigkeit Dunkels an der Westberliner Hochschule der Künste im Fachbereich Visuelle Kommunikation. Diese Arbeiten aus den Jahren 1978 und 1985-88 sind bislang nicht erschlossen.

Figur und Gruppe

In den Zeichnungen begegnen wir den verschiedensten Instrumenten und Materialien: Blei-, Farb- und Kreidestiften ebenso wie dem Kugelschreiber, Filzstift, der Feder in allen Varianten und dem Pinsel mit Tinten ausgewählter Couleur. Seit den 1980er Jahren zunehmend liebte es der Künstler, diese Mittel kombiniert einzusetzen und ausdrucksstarke farbige Akzente zu setzen.

Keine Figur, keine Szene verfestigt sich bei Dunkel innerhalb definierter Umrisse. Alles Dargestellte bleibt vielmehr pulsierend in einem kaum zu beschreibenden Schwebezustand. Der Zeichner verzichtet auf eine Sicherheit, die auch den Betrachter in Sicherheit wiegen würde. Was als Angabe eines anatomischen Details erscheint, ist stets in Wahrheit ein impulsiver Strich oder eine Anzahl solcher Bewegungszüge. Primär das Transitorische wird dadurch betont. Und die vom Gegenstand sich lösende Form wird frei zum Ausdruck von Seelischem und Geistigem, das der dargestellten Figur zugehört, zugleich aber auch auf den Künstler zurückverweist. Diese Identifizierung bewirkt eine intensivere, tiefer greifende Ansprache des Betrachters als jede unverrückbar gemachte "objektive" Feststellung. Fern jeder Konzeptualisierung, fern von gesetzten Bildtiteln stimuliert der Künstler die je eigene Wahrnehmung.

Mythologie und Fiktion

Als früheste mythologische Figur im Werk Dunkels taucht der Stiermann Minotaurus auf, den er wohl durch Picasso in den 1950er Jahren kennenlernte, dann aber weit über Picasso hinaus und auf ganz eigene Weise gewissermaßen zu seinem Haupthelden machte. Er zeichnete ihn in verschiedensten, oft ganz frei erfundenen Situationen - als Täter wie als Opfer. Ebenso frei behandelte er die mythologischen Figuren Kentaur und Pan sowie die Geschehnisse um Daphne, Actaeon, Marsyas, Orpheus, Paris, Adonis, Europa mit dem Stier, Hector und Stoffe aus dem Troja-Komplex.

Ohne spezifische Bindung an archaische, antike oder nachantike Darstellungstraditionen erfand Dunkel Mischwesen und Kreaturen reiner Fiktion und komponierte sie zu lebensvollen Gruppen.

Szene und Thema

Zyklen zu "Reineke Fuchs", zum "Sommernachtstraum", zu "Macbeth", "Don Quichote", "La Belle et la Bête", "Chevalier de Florian" oder zu afghanischen Märchen zeugen von der zeichnerischen Fabulierlust Dunkels, die sich aus Epos, Roman und Drama ihre Anregung suchte.

Aus der Überlieferung wählte er sich bevorzugt das Todesthema. Stichworte sind z.B. Ritter, Tod und Teufel; der Tod und das Mädchen; der Totentanz; das Blutgericht. Den Kampf mit tödlichem Ausgang exemplifizierte Dunkel am Ritual des Stierkampfes auf seinen zahlreichen Blättern zum "Tod am Nachmittag" .

Innerhalb der biblischen Überlieferung beschäftigten den Zeichner ausgewählte Topoi zu: Sündenfall und Vertreibung aus dem Paradies, Golgatha, Auferstehung, Höllensturz, Salome und Christophorus.

Ab 1976 entstanden im französischen Jura Landschaftszeichnungen und Naturstücke in und nach plein-air. Vier Skizzenbücher und großformatige Zeichnungen geben oftmals Datum und Ort an. Einen weiteren Werkkomplex bilden die Pferde- und Reiterdarstellungen. Tierstudien nach der Natur nehmen im zeichnerischen Oeuvre Dunkels ihrer Anzahl nach nur einen marginalen Platz ein.

Holzschnitt

Im Werk Joachim Dunkels nehmen die Holzschnitte eine besondere Stellung ein. Nur in den Jahren 1948-49 und 1991-99 entstanden, verblüfft ihre unmittelbare Wucht und expressive Kompaktheit, die mitunter fast etwas Bedrohliches hat. Auf Blättern von oft geradezu mächtigem Format entwickeln sich gedrängte, auf knappe, jedoch stets gegenständliche Formen reduzierte Darstellungen, denen der markante, dem Medium eigene Schwarzweißkontrast eine suggestive Kraft verleiht. Charakteristisch ist, dass die Schauplätze der Szenen keine oder allenfalls eine äußerst geringe, auf Andeutungen beschränkte Rolle spielen. In diesem Zug kommt der Plastiker, der vorrangig durch seine Figuren "sprechende", in Figuren denkende, ganz auf deren Haltung und Gesten konzentrierte Künstler zur Geltung.

Motive der annähernd 50 frühen Holzstöcke: Variété und Zirkus, Karneval und Maske, Phantasietier und Reiter, männliche und weibliche Einzelfigur, Paarfigur, Szenen aus der Bibel. Parallel zu den genannten Arbeiten entstanden kleinformatige weibliche Figuren. Motive der annähernd 50 späten Holzstöcke: Reineke Fuchs, Hubertushirsch, Totentanz, Tod am Nachmittag (Stierkampf), weibliche Figur, Szenen zu Orpheus, Marsyas, Actaeon, Daphne, Adonis, Hector.